Die Abschaltung von s.to und bs.to – der „eine Ring“, sie alle zu knechten.

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Am letzten Wochenende hat die Zensur im Internet ein neues, nie dagewesenes Level erreicht. Die meisten Internetnutzer haben dies wahrscheinlich gar nicht bemerkt, weil sie sich auf jenen halblegalen Seiten, die zunächst betroffen sind, normalerweise nicht aufhalten. Es geht in diesem Artikel jedoch nicht darum, WER genau betroffen ist, sondern es geht darum, welchen Hebel man nun ansetzte, um die Zensur durchführen zu können.

Dieser Hebel lässt sich nämlich nicht nur dort ansetzen, wo offensichtliches Recht gebrochen wird, sondern – wenn er erst einmal etabliert und gängige Praxis ist – auf praktisch alle Internetseiten, die man verschwinden lassen will. Er geht meilenweit über die bisherigen und leicht zu umgehenden DNS-Sperren hinaus und zeigt einmal mehr, dass das Internet eigentlich wesentlich weniger frei ist, als gemeinhin angenommen.

Der Vorfall:

Am Sonntag, dem 05.07.2026, waren plötzlich mehrere Domains nicht mehr erreichbar. Darunter viele Domains sogenannter „Internetpiraten“, auf denen urheberrechtlich geschützte Filme und Serien kostenlos angeboten werden. Viele dieser Domains waren sogenannte to-Domains, registriert im Königreich Tonga. Der Staat bzw. sein König betreibt seit 1995 ein eigenes Network Information Center (NIC), bei dem man Domains mit der Endung .to registrieren kann. Es handelt sich um eine der größten Einnahmequellen des südpazifischen Inselstaates. Und um diese besonders attraktiv zu machen, führte das NIC kein Whois-Register, anhand dessen man den Inhaber einer Domain hätte ausfindig machen können. Mit anderen Worten: to-Domains waren besonders anonym.

Nun gab ein Gericht einer Klage seitens WARNER BROS, DISNEY, NETFLIX, APPLE und Crunchyroll statt, wonach Tonga die beklagten Domains nicht nur abschalten musste, sondern auch sämtliche Inhaberdaten herausgeben.

Besonders pikant dabei: Es handelte sich nicht etwa um ein US-Gericht (vor einem solchen waren ähnliche Klageversuche stets gescheitert), sondern um ein indisches. Mit anderen Worten: Amerikanische Unternehmen klagen wegen Urheberrechtsverletzungen vor einem indischen Gericht und dessen Urteil wirkt sich auf den (eigentlich) souveränen Staat Tonga aus.

Wie kann das sein?

Der „Stock“, vor dem sich Tonga hier fürchtet, ist keinesfalls der Umstand, dass Tonga sein NIC nicht wirklich von seiner Insel aus betreibt, sondern aus Kalifornien. Denn bevor man die (jetzt zu erwartenden) massiven Umsatzeinbußen und damit wirtschaftlichen Verschlechterungen des Staates hinnimmt, könnte man seinen Geschäftssitz einfach verlagern – z.B. nach Island oder Schweden.

Nein, der tatsächliche „Stock“ heißt ICANN. Und jetzt wird es interessant.

Das Internet scheint ein relativ liberaler und freier Raum zu sein; ein Gemeinschaftsprojekt, das aus unzähligen einzelnen Servern besteht, die überall auf der Welt verteilt stehen und gleichberechtigt untereinander Informationen austauschen. Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Von Beginn an war das Internet ein US-amerikanisches Projekt, das aus dem militärischen ARPA-Net entstanden war. Und ebenso von Beginn an unterlag es mehreren Regulierungsbehörden, die anfangs für eine Verteilung und Zuweisung der IPs zuständig waren. Als dann die ersten Domains entstanden, weil man schnell merkte, dass IPs erstens unpraktisch und zweitens begrenzt waren, da wurden diese Domains (genauer gesagt die Top-Level-Domains) nicht einfach so erfunden, sondern sie wurden genehmigt. Dass TLDs wie .com, .net, .org, .de, .at etc. überhaupt existieren, bestimmt dabei die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN). Dabei handelt es sich offiziell um eine Non Profit Corporation (was in Deutschland einem eingetragenen Verein entspräche), die aber dem amerikanischen Wirtschafts- und Handelsministerium unterstellt ist. Offiziell änderte sich das übrigens im Jahr 2016. Seither gilt: Die ICANN ist „nur noch“ amerikanischen Interessen, jedoch (offiziell) nicht mehr der amerikanischen Regierung unterstellt.

Eine klassische NGO also, wie sie im Buche steht.

Und als solche „erlaubte“ die ICANN es den meisten Staaten, ihre eigenen Top-Level-Domains ins Leben zu rufen und selbstständig zu verwalten. In Deutschland gibt es daher die Domain .de, welche von der Denic verwaltet wird.

Das ist ein riesiges Geschäft, da man nun etwas vermieten konnte, das nur rein virtuell und fiktiv existiert. Das klassische Beispiel, um Geld aus dem Nichts zu erschaffen, wie man so schön sagt. Und weil jeder etwas vom Kuchen abhaben wollte, wurden immer mehr dieser TLDs bei der ICANN angemeldet und teuer vermietet.

Für das Königreich Tonga entwickelte sich dieser Geschäftszweig zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Seine zahlreichen Kunden lockte man dabei durch ein besonderes Diskretionsversprechen an. Tonic (Das NIC von Tonga) implementierte von vornherein keinen WHOIS-Dienst, mit dessen Hilfe es möglich wäre, den Inhaber einer Domain herauszufinden. Förmliche Anfragen seitens diverser Behörden lehnte man aufgrund des immensen Aufwands grundsätzlich ab. Daher registrierten in den letzten Jahrzehnten nicht nur halblegale Dienste wie s.to ihre Domains bei Tonic, sondern auch Journalisten und politisch Verfolgte.

Doch während man 30 Jahre lang ein vermeintlich freies und liberales Weltprojekt Internet feierte, war im fernen Lande USA längst der „eine Ring“ geschmiedet worden, der sie alle knechten und binden sollte: Die ICANN.

Das bekommt nun nicht nur Tonga zu spüren. Es wurden zahlreiche weitere Domains abgeschaltet. Das Besondere an Tonga ist jedoch, dass es sich nicht nur um das NIC, sondern auch um den Registrar handelt. Tonga hat nun die Wahl zwischen Beendigung der Diskretion oder vollständiger Abschaltung der Top-Level-Domain .to. Ersteres bedeutet für den Inselstaat einen massiven wirtschaftlichen Einbruch; letzteres wohl einen vollständigen Wirtschaftskollaps.

Daher ist es auch völlig nebensächlich, wo sich das Gericht befindet, welches Tonga zur Abschaltung verurteilt. Die ICANN sitzt in den USA und nur das ist entscheidend.

Zusammenfassend müssen wir leider realisieren, dass das Internet eben KEIN liberaler, gleichberechtigter Serververbund der Welt (kein World Wide Web) ist, sondern ein Projekt, bei dem die Amerikaner stets das letzte Wort haben. Anstatt www, sollte es daher treffender acw (America Controled Web) heißen. Und daher müssen wir uns ernsthaft einmal die Frage stellen, ob das so bleiben soll.

Technisch wäre eine Loslösung von bisherigen Internet-Hierarchien gar kein Problem. Und dabei müsste man nicht einmal das Rad neu erfinden, wie dies beim sogenannten „Darknet“ der Fall ist. Man könnte weiterhin ein DNS-System nach dem „Telefonbuch-Prinzip“ betreiben. Nur müsste man neue IPs und neue TLDs generieren und dann lediglich darauf achten, dass diese nicht zentral gesteuert werden. Es wäre das Ende des amerikanischen Monopols und auch das Ende von google, Facebook, X & Co. Es wäre der Beginn eines wirklich freien und gleichberechtigten weltweiten Netzes. Scheitern würde ein solches Vorhaben aber wohl an der grenzenlosen Bequemlichkeit und Inkonsequenz der Nutzer, die lieber bei google suchen und ihre „Meinung“ über Facebook verbreiten.

Ende der Streamingportale?

Viele stellen sich nun die Frage, ob dieser Angriff auf Tonga jetzt das Ende der großen Streamingportale Serienstream und Burning Series darstellt. Interessanterweise sind die jedoch am wenigsten betroffen und sollten es wohl auch gar nicht sein. Denn sonst hätte man nicht nur jeweils eine von vielen Domains gesperrt. Insbesondere Serienstream ist längst auch unter einer direkten IP erreichbar. Und eine solche kann man nicht über den Hebel „Domain“ sperren, denn IPs selber müssen nicht aufgelöst werden. Sie sind fix und gehören zu einem Server bzw. Rechenzentrum. Und hier liegt dann allerdings der nächste Schwachpunkt. Man könnte nun nämlich auf die Idee kommen, auch die Rechenzentren unter Druck zu setzen. Vergessen wir nicht: Die ICANN ist auch die IP-Behörde. Und im gleichen Maße, wie die TLDs die Existenzgrundlage der NICs sind, sind die IPs die Existenzgrundlage der Rechenzentren. So weit wird man aber wohl gar nicht gehen müssen, da die Betreiber nun wahrscheinlich langsam kalte Füße bekommen. Illegale Streamingportale stellen zwar ein Millionengeschäft dar, doch wird man sich wohl überlegen, ob man nicht langsam die Portale schließt und die Millionen mitnimmt.

Letztlich ist die Internetpiraterie hier nur ein Aufhänger, um die Zensurschrauben immer weiter anziehen zu können.

Fazit:

Es ist ein Trugschluss, dass man Eigentümer einer Teils des Internets sein oder werden kann. Selbst wenn man von Hardware über Anbindung alles selber kauft und bezahlt, so gehört das Internet letztendlich allein der ICANN und somit jenen, die sie steuern. Und das wird sich Dank menschlicher Dummheit niemals ändern.

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