Die Bruderschaft der Glocke oder wie man sich doch irren kann.

Für die Verfechter der Science Fiction-Waffen im Dritten Reich, also jenen Leuten, die behaupten, man sei der damaligen Technologie nicht nur voraus gewesen, sondern gar um Jahrhunderte voraus gewesen, man habe mit Antigravitation und Alientechnologie hantiert, erschien Igor Witkowskis These der sogenannten „Nazi-Glocke“ wie eine Offenbarung.

Jokob Sporrenberg

Igor Witkowski, ein Militärhistoriker, hatte im Jahr 2000 eine These in Form eines Buches mit dem Titel „Die Wahrheit über die Wunderwaffe“ veröffentlicht. Diese These stützte sich laut Witkowski einerseits auf die Aussage eines ehemaligen SS Nachrichtenoffiziers namens Jakob Sporrenberg und andererseits auf die verbliebenen Überreste von recht seltsamen Baumaßnahmen aus jener Zeit, die Witkowski auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche im heutigen Polen, genauer gesagt in der Wenceslas-Mine in der Stadt Milkow-Ludwikowice gefunden hatte. Dabei handelt es sich in der Hauptsache um eine kreisrunde Betonformation, die gewisse Ähnlichkeiten mit einem modernen Stone Henge aufweist. Laut Witkowski soll diese Formation einige Anomalien aufweisen.

Bei der besagten Wenceslas-Mine oder Wenceslas-Grube handelt es sich um ein Bergbau-Grube, in der unter Tage seit dem Jahr 1901 Steinkohle abgebaut worden war und wo es im Jahr 1930 zu einem schweren Unglücksfall gekommen war in dessen Folge der Minenbetrieb bis 1939 eingestellt wurde. Im Laufe ihres Betriebs wurde die Mine bis 1930 um ein Elektrizitätswerk erweitert, das das gesamte umliegende Gebiet mit Strom versorgte. Dieser Umstand soll hier nicht unerwähnt bleiben, weil er die eigentliche Erklärung für den „Henge“ liefert.

1940 wurde das Gelände an die Dynamit Nobel AG verkauft. Laut Igor Witkowski betrieb diese dort u.a. ein bergbauliches Projekt, wie auch die Herstellung von Munition. Ob das so war, spielt in der Sache „Projekt Glocke“ jedoch gar keine so große Rolle. Witkowski versucht damit lediglich zu untermauern, dass dort tief unter der Erde gearbeitet wurde, und zwar an einem streng geheimen Projekt.

Wenn das alles aber nun reine Erfindung sein soll, dann stellt sich natürlich die Frage, was dieser seltsame Streinkreis, der offensichtlich doch in dieser Zeit gebaut worden sein soll und der laut Witkowski zur Erprobung der mysteriösen Glocke gedient haben soll, in Wirklichkeit war oder ist. Nun, zunächst einmal: Er stammt gar nicht aus den 1940er Jahren, sondern ist älter. Eine Karte, die das Gelände zur Zeit des aktiven Bergbaubetriebs (also vor 1940) zeigt, listet bereits an exakt jener Stelle, an der sich dieser ominöse „Henge“ befindet, eine kreisförmige Markierung auf. Diese wird auf Polnisch als „Chlodnika“ bezeichnet, was übersetzt so viel wie Kühlung bedeutet. Dies sollte uns einen ersten Hinweis darauf liefern, worum es sich beim Henge tatsächlich handelt.

Das wirklich „Witzige“ an dieser Geschichte ist, dass Witkowski im Laufe der Jahre zahlreichen Kamerateams diese Formation gezeigt hat, die Filmaufnahmen für Dokumentationen drehten. Diese Kamerateams dürften auf dem Weg nach Milkow-Ludwikowice unter anderem auch durch die Stadt Waldenburg gekommen sein. Dort befindet sich die „Waldenburger Kokerei Victoria“, deren Kühlturm die Gegend überragt. Und dieser Kühlturm sieht folgendermaßen aus:

Man beachte die kreisförmige Betonformation auf der der eigentliche Kühlturm ruht und der eine auffallende Ähnlichkeit zum „Henge“ in Milkow-Ludwikowice aufweist.

Und nun kommen wir zum Anfang unserer Geschichte zurück. Ich sagte ja bereits, dass die Geschichte der Wenceslas-Mine nicht ganz unwichtig für das Verständnis der baulichen Begebenheiten ist. Denn bis 1930 war eine ganz ähnliche Kokerei – wenn auch eine kleinere – an die Wenceslas-Mine angeschlossen. Diese lieferte Strom für die gesamte Region. Und diese Kokerei benötigte natürlich einen Kühlturm. Wie wahrscheinlich ist es dann, dass der dortige Kühlturm auf einem ganz ähnlichen Sockel ruhte wie jener von der Kokerei Victoria? Und wie groß ist, angesichts dieser Tatsache jetzt noch die Wahrscheinlichkeit, dass der „Henge“ für geheime Glockenprojekte erbaut wurde?

Es existieren zeitgenössische Fotos der Anlage aus dem Jahre 1930. Diese zeigen einen Kühlturm. Leider ist, perspektivisch bedingt, der Sockel jedoch nicht zu sehen. Er wird durch andere Gebäude verdeckt. Allerdings befindet sich der Kühlturm exakt an der Stelle, an der Witkowskis „Henge“ zu finden ist.

Tatsächlich findet man derartige Kühltürme, die auf immer den gleichen kreisförmigen Betonfundamenten ruhen, überall in der Region. Sie werden seit den 1920er Jahren bis heute so gebaut. Jeder, der in der Region wohnt, weiß das. Den Kamerateams, die sich auf den Weg zu Witkowskis „Henge“ machten, dürfte das nicht entgangen sein. Dennoch stellten sie offensichtlich keine Fragen, sondern drehten abenteuerlich anmutende Dokumentationen über geheime Projekte unter der Leitung eines gewissen Hans Kammler, die unterirdisch in der Weceslas Mine gefertigt und im Henge getestet wurden. Sogar Computeranimationen wurden zu diesem Zweck erstellt, die verdeutlichen sollten, wie die Glocke, an Ketten gebunden, über dem Henge schwebte.

Angesichts dieser offensichtlichen Unrichtigkeiten der Behauptung, stellt sich die Frage nach dem Warum? Warum wurden diese Geschichten verbreitet, die doch so eindeutig unwahr sind? Was Igor Witkowski angeht, könnte man diese Frage u.a. damit beantworten, dass sich auf dem Gelände, das einst verwildert und ungenutzt war, heute ein Museum befindet, an dem Herr Wirkowski nicht ganz unbeteiligt sein dürfte.

Aber warum wurden absichtlich diese falschen Dokus erstellt?

Diese Frage müssen wir uns besonders angesichts der Tatsache stellen, dass es einen Jakob Sporrenberg ebenso tatsächlich gab wie einen Hans Kammler. Beide Personen sind keine Erfindung Witkowskis. Es gab sie wirklich. Ebenso ist die Information über ein Projekt Glocke echt. Tatsächlich hatte Jakob Sporrenberg Kenntnisse von einem hochgeheimen Projekt mit diesem Namen. Allerdings kann ausgeschlossen werden, dass er über Detailkenntnisse verfügte, da er in seiner Funktion als SS Polizeiführer in der Hierarchie viel zu niedrig angesiedelt war. Es ist zwar wahrscheinlich, dass er mehr Kenntnisse von geheimen Projekten als der Durchschnitt hatte weil er u.a. auch für die Beschaffung der Arbeiter verantwortlich war, dass er aber in solche Projekte involviert war oder über exakte Kenntnisse verfügte, kann nahezu ausgeschlossen werden. Seine Informationen zum Projekt Glocke dürften also eher allgemeiner Natur gewesen sein. Ich persönlich glaube, dass er nicht viel mehr wusste, als den Namen, dass es sich um ein geheimes Projekt handelte und dass es sich um ein Antriebskonzept gehandelt hat. Diese Informationen könnten durchaus an einen hochrangigen Polizeiführer durchgesickert sein – mehr aber sicherlich nicht. Insbesondere detaillierte Baupläne etc. werden ganz sicher nicht darunter gewesen sein, denn wie hätte er daran gelangen sollen?

Dann stellt sich nun natürlich die Frage, um was es sich bei dem ominösen Projekt Glocke tatsächlich gehandelt hat.

Dazu muss man wissen, dass die Wenceslas-Mine unweit eines tatsächlichen unterirdischen Geheimprojekts dieser Zeit liegt, das als „Projekt Riese“ bekannt geworden ist. Obwohl das Projekt Riese niemals vollständig fertiggestellt wurde, ist bekannt, dass dort u.a. unterirdische Fertrigungsanlagen für die V1 untergebracht waren. Dort wurden also tatsächlich und nachweislich geheime Antriebsprojekte fertiggestellt und vielleicht sogar neue entwickelt.

Um der tatsächlichen Wahrheit auf die Schliche zu kommen, dürfen wir die technologische Entwicklung nicht gar so hoch schrauben und unterstellen, man habe da an Antigravitationsantrieben oder gar mit Alientechnologie gearbeitet. Dann müsste man sich nämlich die unbequeme Frage stellen, wie man an diese Technologie gelangt sein soll. Esoteriker haben die Antwort für solche Fragen natürlich parat – man hat die Informationen „gechannelt“. Wenn wir allerdings in der Realität bleiben wollen, müssen wir uns dieser Frage aufrichtig stellen. Keine Technologie ohne Wurzeln. Jede technologische Entwicklung hat einen Ursprung und entsteht nicht aus dem Nichts.

Hier kommt Holger Erutans These ins Spiel. Ihm zufolge handelte es sich bei dem Projekt Glocke in Wirklichkeit um den sogenannten Haunebu-Antrieb. Bei diesem soll es sich jedoch keineswegs um einen Antigravitationsantrieb gehandelt haben, sondern um einen Plasmaantrieb. Was heute schon fast wie Schnee von gestern klingt, wäre in den 1940er Jahren tatsächlich eine bahnbrechende Erfindung gewesen, die jedoch keineswegs ohne Wurzeln dasteht, wie Witkowskis ominöse Antigrav-Glocke. Tatsächlich wurden bahnbrechende Grundlagenforschungen zur Nutzung von Plasma zu Treibwerkszwecken gemacht, und zwar von dem Schwedischen Forscher und späteren Nobelpreisträger Hannes Alfven. Dieser war zu jener Zeit zwar noch von der Fachwelt belächelt worden, doch wir wissen auch, dass sich Deutsche Ingenieure jener Zeit wenig um die wissenschaftliche „Fachwelt“ scherten und selbst unwahrscheinlich anmutende Projekt zumindest erprobten wenn eine realistische Grundlage dafür vorhanden war.

Erutan zufolge handelte es sich bei der Glocke in Wirklichkeit um eine von mindestens drei benötigten Antriebseinheiten, die zum Betrieb eines Haunebu notwendig waren. In ihnen wurde mittels Hochspannung oder eines Magnetrons, Plasma erzeugt und mittels starker Elektromagnete, den sogenannten „Vortex-Dynamos“, beschleunigt, was in einem starken und vor allen Dingen steuerbaren Rückstoßantrieb mündete.

Es war also gewissermaßen die Weiterentwicklung eines chemischen Raketenantriebs oder zumindest der Versuch dahin. Man nennt diese Technologie auch Magnetohydrodynamik. vgl. od. vgl.

Interessant ist diese These vor allen Dingen wenn man weiß, dass der Belgische Atomphysiker Prof. André Marion in den 1990er Jahren die These aufstellte, dass die, im Verlaufe der sogenannten Belgischen UFO-Welle gesichteten UFOs mit großer Wahrscheinlichkeit mit eben diesem Magnetohydrodynamischen Antrieben fliegen würden. Und tatsächlich weisen die Beschreibungen wie auch die Bilder durchaus darauf hin, wobei ja speziell das bekannteste Bild zu diesem Thema angeblich eine Fälschung sein soll.

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